Freedom. Freiheit. Freedom 2010! – Vor gut einem Jahr habe ich in meinem Briefkasten in Hamburg eine große Postkarte gefunden, Werbung. Auf der Karte stand: „2009 wird mein Jahr.“ Irgendwie hat das Motto gepasst – seitdem hing die Postkarte erst an meiner Pinnwand in Hamburg, dann an meinem Spiegel in Sydney und schließlich – und da hängt sie immer noch – in Mika. Vor knapp einer Woche habe ich Chris kennengelernt, unseren Guide im Abel Tasman National Park. Auf seinem T-Shirt stand ein Wort: „Freedom“. So magisch wie die Postkarte damals auf mich wirkte, so wirkt auch dieses T-Shirt jetzt auf mich: Ich habe mein neues Jahresmotto gefunden, Freedom. Freiheit.
(Der komplette Blogeintrag mit Fotos folgt, wenn ich wieder in Australien bin.)
Anders oder besser kann man nicht beschreiben, wie ich mich zurzeit fühle. Der dritte Teil meiner Neuseelandreise geht heute, am Freitag, bereits zu Ende. Es ist kurz nach 11 abends und besser kann sich Freiheit nicht anfühlen: In der Dunkelheit der Nacht rauschen unweit von der kleinen Lichtung, in der wir unser Auto geparkt haben, die Dorothy Falls. Hinter den Baumspitzen der Bäume, die rings um uns wachen, leuchtet hell der Vollmond über der Nacht. Es ist sternenklar. Freedom. Lediglich die Mücken, die gerade Wettrennen um mich herum fliegen und die wenigen Stellen meines Körpers leersaugen, die ich nicht mit Mückenspray vollgesprüht habe, sind etwas lästig. Aber um ehrlich zu sein, lässt mich das gerade kalt. Tausende der kleinen Sandflies – nicht größer als Fruchtfliegen – haben sich in den letzten Tagen bereits an meinem Körper zu schaffen gemacht. Da stören die 234 Mücken nun wirklich nicht.
Der dritte Teil des Neuseelandtrips war magisch. Unglaublich schöne, reine Natur, klarstes Wasser, schroffe Berge. Robbenmamas, die ihren Kleinen hinterherrobben, Pinguine, die nach Fischen tauchen und Stachelrochen, die sich aus dem „Staub“ machen. Doch das Beste ist das Wetter: Seitdem wir auf der angeblich so verregneten Südinsel sind, beschert ein Hoch bestes Sommerwetter. Sonnenbrand inklusive…
Samstag, 23. Januar 2010
Was für eine Kotztütenüberfahrt! Bei denkbar schlechtem Wetter hat heute die Bluebridge in Windy Welli abgelegt und uns durch eine schrecklich raue See mit meterhohen Wellen in Richtung Picton geschifft. Kotztütenproduzenten hatten Hochkonjunktur und ich war froh, meine Pillen gegen Übelkeit genommen zu haben. Ein Lob auf die von mir verhasste Pharmaindustrie. Erst mit der Einfahrt in die Marlborough Sounds, die Fjörde vor Picton hat sich die See beruhigt. Den Wind, der uns beim Fotografieren fast vom Deck geweht hat, hat das wenig beeindruckt…
Wieder festen Boden unter den Füßen, ging es mit Bongo in Richtung Havelock immer wieder die Straße rauf und runter, links und rechts durch die Fjörde. Am Cullon Point Lookout kurz vor Havelock angekommen heißt es nun realisieren: Wir sind auf der Südinsel!
Sonntag, 24. Januar 2010
Auch heute war der Weg nicht nur das Ziel sondern auch das Highlight! Eine wunderschön geschwungene Straße, die uns durch die Fjörde hindurch bis nach Nelson gebracht hat. Wie fast jede Stadt in Neuseeland, nutzen wir auch Nelson lediglich für die anfallenden organisatorischen Dinge: Wäsche waschen, Internet, Tripps im Reisebüro buchen, Einkäufe, Tanken…
Der Abend schließlich hatte eine Überraschung parat: In Marahau angekommen, von wo aus wir am kommenden Tag unseren Kajak-Tripp im Abel Tasman National Park starten, lernen wir zwei nette (deutsche…) Reisende in einem Jucy-Campervan kennen. Die Jucy-Vans kennen wir schon aus Australien. Auffallend grün und lila lackiert sehen sie von außen alle ziemlich einheitlich aus. Was wir nicht wussten: In dem Van (der kaum größer als Bongo, unsere Perle, ist) ist auch ein kleiner Fernseher mit DVD-Player. Was für ein Luxus! Fast selbst haben Andreas und ich uns also auf einen kuschelig gemütlichen (so ein Doppelbett im Auto ist halt eng) DVD-Abend eingeladen. Nur doof, dass der Film (der angeblich zum Auto gehört…) fürchterlich schlecht war…
Montag, 25. Januar 2010 und Dienstag, 26. Januar 2010
Robben, Pinguine, Fische, Rochen, glasklares Wasser, tiefblaue See: Den Abel Tasman National Park erkundet man entweder zu Fuß oder – wie wir – im Kajak. Der jüngste und/aber meist besuchte Nationalpark Neuseelands rockt! Auf einer Zweitagestour haben wir am ersten Tag mit Chris, unserem Guide, und am zweiten Tag ganz alleine die offene See erkundet. Bongo haben wir dafür sogar links liegen lassen, unser Zelt und die Schlafsäcke in das Kajak gepackt und los ging es. Dass mich der Kajak-Tripp so sehr inspiriert und mir mein Jahresmotto offenbaren würde – damit habe ich nicht gerechnet. Aber dies macht die zwei Tage noch besonderer. Wenn den unglaublich tollen Fotos noch mehr an Highlights und Kommentaren dieser zwei Tage hinzuzufügen ist, dann sei es dies: Eine Flussmündung mit dem Kajak hochpaddeln bei der im Hintergrund untergehenden Sonne, Schnorcheln mit großen Fischen und riesigem Stachelrochen, Robben, die auf dem faulen Pelz liegen oder um unser Kajak herumschwimmen, Pinguine, die nach Fischen tauchen, ein gemütlicher Kerzenschein-Abend an der Anchorage Bay mit unserer Truppe, traumhafte Buchten, einsame Strände, Sonnenschein…
Abgerundet wurde der Trip mit einem unvergesslich tollen Kneipenabend: Auf dem Weg in den Norden an der Golden Bay sind wir nach kurzem Stopp an den Pupu Springs mit dem klarsten Wasser der Welt (wäre das Wasser in dem Quellbecken 76 Meter tief, würde man den Grund sehen…) im Mussel Inn angekommen, um unseren Dienstagabend ausklingen zu lassen. Nicht nur der LonelyPlanet lobt die in der Tat im meilenweiten Nichts gelegene Kneipe auf dem Highway: Die Einheimischen kennen und lieben das Pub und angeblich spielen hier fast jeden Abend live Bands. Heute Abend waren es Urban Tramper, die mit ihrer Musik – eine Mischung aus Melancholie und Chillout-Hippi-Sound – für eine unglaublich tolle Stimmung gesorgt haben. Die hippig-urig angehauchte Kneipe, das offene Feuer in den Tonnen vor dem Haus und die sehr unterschiedlichen (in jeder Hinsicht) Gäste haben wie Puzzleteile richtig zusammengesetzt einfach perfekt gepasst.
Mittwoch, 27. Januar 2010
Nicht schön aber magisch. So würde ich das Farewell Spit beschreiben. Der nördliche Zipfel der Südinsel ist ein Paradies und weltweit anerkanntes Vogelreservat, hat aber auch für’s Auge einiges zu bieten. Wir unternehmen kleine Wanderungen über Farmland zu einem verlassenen Strand vorbei an Schafen und Kühen. An der Wharariki Beach quasi um die Ecke erkunden wir eine Höhle, die die Wellen in jahrtausendelanger Arbeit in den Felsen gefressen haben und sehen Robben beim Spielen zu. Unglaublich süß diese Tiere! Besonders markant steht an dem Strand allerdings ein dickes, fettes Schaf. Quasi. Ein riesiger Felsen erinnert mich an ein fettes Schaf. Die Australier würden es wahrscheinlich „Big Sheep“ taufen und als eines der Big Things als Highlight verkaufen. Die Neuseeländer hingegen lassen die Natur einfach Natur sein.
Auf dem Weg tiefer in den Süden – den Nordzipfel im Rückspiegel langsam verschwinden sehend – sind wir am malerisch schönen Rotoroa See angekommen. So harmonisch scheinen die riesigen Bergmassive im Einklang mit dem Wasser und dem Gras, dass man denken muss, sie seien von künstlicher Hand hier hingesetzt worden. Nein, ich erinnere mich daran, dass das Natur ist. Pure Natur. Traumhaft schön. Einzig die Sandflies können den Moment zerbeissen. Meine zahlreichen Bisswundern – vor allem an den Füßen – will ich gar nicht zählen…
Donnerstag, 28. Januar 2010
Vielleicht wird’s einfach zum 14-täglichen Highlight, dass wir uns in Lebensgefahr begeben? Erst die heißen Pools in Rotorua – und jetzt die Oparara Arch. Ein extrem eindrucksvoller riesiger Steinbogen – durch den wir nicht nur gehen, sondern den wir auch ersteigen wollten. Doch leider war da alles – nur kein Weg. Durch tiefen Wald am steilen Hang, durch Gestrüpp und Busch. Matschig. Rutschig. Gefährlich! Und alles, ohne jemandem zu sagen, wo wir sind und was der Plan ist. Ach ja: Handyempfang? Vergiss es… Nach einem wirklich verdammt gefährlichen Aufstieg mit einigem Abrutschen und zahlreichen Aufgeben?-Gedanken die Enttäuschung: Alles so zugewachsen, dass wir nichts gesehen haben. Also wieder zurück durch Matsch, Gestrüpp, geäst – den Abhang runter…
Begonnen hat der Tag allerdings mit einer extremen Schotterpiste, die uns durch einige Flussbette hindurch bis in die Buller Gorge, Buller Schlucht, durch die der Fluss Buller fließt, brachte. Mit tiefgrünen Bäumen bewachsen rahmen die massiven Felsen die Buller ein, die sich in endloser Arbeit in den Fels gefressen hat. 5 Dollar lassen wir die größte Hängebrücke Neuseelands gerne wert sein – wer weiß ob wir an anderer Stelle noch einmal eine Hängebrücke dieser Größe überqueren können? Glasklar ist das Wasser unter uns im Abgrund, tausende von Litern fließen an uns vorbei in Richtung Ozean.
Gute zweihundert Kilometer Umweg nehmen wir schließlich auf, um die Oparara Arch und ihren Bruder, die Morich Gate Arch, im Oparara Basin nördlich von Karamea zu besichtigen und weil wir schon mal da sind, werfen wir auch einen Blick in zwei eindrucksvolle Höhlen, die Crazy Paving Cave und Box Canyon Cave. Bevor wir morgen den Weg an der Westküste ‘gen Süden starten, parken wir Perle heute Abend an einem dieser Plätze, die kein Hotel, kein Backpacker und auch kein Campingplatz bieten kann: Direkt am Meer. Die Wellen peitschen quasi gegen unsere Radkappen, so nah ist das Wasser jetzt bei Flut. Morgen wenn wir aufstehen, wird es wahrscheinlich weiter weg sein…
Freitag, 29. Januar 2010
Mit Palmen gesäumte Straßen, tiefgrüner Regenwald. Kurz vor den Pfannkuchen fühlen wir uns plötzlich nach Californien katapultiert. Oder zumindest irgendwo an die nördliche Ostküste Australiens. Die Sonne knallt, das Meer ist tiefblau. Urlaubsstimmung. Pfannkuchen? Ja, Pfannkuchen. Pfannkuchen oder Pancakes – das ist das Selbe auf englisch. Nie im Neuseeland-Zusammenhang gehört? Und was ist mit Zwölf Apostel? Klingelt da was in den Ohren? Ja? – Logo, wer entscheiden kann, ob er die Zwölf Apostel oder Pfannkuchen trifft, der wird sich – alleine der Promi-Faktor zählt! – definitiv für das Date mit den Aposteln entscheiden. Und das ist das Problem, denn Australien kann einfach besser PR. Zu den Bildern, die Menschen auf der ganzen Welt von Australien im Kopf haben, gehören zweifelsohne die Zwölf Apostel. Von den Pfannkuchenfelsen an der Westküste Neuseeland’s Südinsel haben wahrscheinlich die meisten noch nie gehört… Dabei sind sie mindestens genauso faszinierend: Felsformationen an der Küste, an die die Wellen der rauhen See vor allem bei Flut mit voller Wucht prallen. Meterhoch kann das Wasser hier durch die einzelnen Blowholes spritzen und mit einem unheimlich lauten Donnerwetter kubikliterweise Wasser an die etwas an übereinander gestapelte Pfannkuchen erinnernden Felsen knallen. Der Name ist da in der Tat kein Volltreffer. Und daher sind die Neuseeländer gerade dabei, einen neuen Namen für die Pfannkuchen und die gesamte Westcoast zu kreieren. Das ist keine schlechte Idee – und effektiv. Denn die Zwölf Apostel tragen den Namen auch nur, weil er besser – magnet-touristischer – klingt als alle anderen Ideen, die beim Namensfindungsprozess vor Jahren auf dem Tisch lagen. Ach ja: Zwölf Felsen waren es übrigens sowieso nie…
Nicht nur die Pfannkuchen der Westküste sind sehenswert: Die gesamte Küstenstraße zwischen Westport und Greymouth ist von atemberaubender Schönheit. Ich habe die Küstenstraßen auf der Noprdinsel ja schon so gelobt – aber gegen die Westcoast, bei purem Sonnenschein, können die nicht mithalten. Der Lonely Planet sagt sogar, die Strecke sei eine der schönsten der Welt.
Einen lohnenswerten Stopp machen wir am Truman Track, der uns an eine wunderschöne Bucht führt. Die Mittagspause in der Pororari Schlucht läd zum Träumen ein, zu schön um in Worte zu fassen…
Am Ende dieses mit Natur-Highlights überfüllten Tages fragen wir uns: lohnen sich weitere dreißig Kilometer Umweg? Etwas Inland befindet sich die Hokitika Schlucht und wir entscheiden uns, den Umweg in Kauf zu nehmen. Nicht wirklich wissend, was uns da erwartet, stehen wir plötzlich vor einer malerisch schönen Schlucht. Azurblaues Wasser, so intensiv blau, dass es gar nicht natürlich sein kann. Grauweiße Felsen ragen aus dem Wasser und eine massive Hängebrücke verbindet die beiden Spitzen der Schlucht – Paradies.
Von der Lautstärke her zu urteilen, müssen sie massiv sein. Ob sie wirklich so riesig groß sind, werden wir aber erst morgen erfahren, denn erst nach Sonnenuntergang sind wir gerade an den Dorothy Falls angekommen. Der Weg führt uns stehts in Richtung der beiden höchsten Berge Neuseelands, Mt. Cook und Mt. Tasman. Kilometerweit sind wir durch flaches Land gedüst – immer in Richtung der wie von Menschenhand auf die Felder gesetzt wirkenden Berge. Der dritte Teil der Reise endet nun bei Kaffee, hinter Bäumen langsam erscheinendem Vollmond, Mücken, die mich leersaugen, Laptop, Wasserfallrauschen und dem neuen Freedom-Gefühl. Den Schlussstrich unter Teil drei der Reise an diesem Ort zu ziehen macht durchaus Sinn: Nachdem ich in den letzten Tagen von der Magie und Vollkommenheit der Natur überwältigt wurde, wird sich die Vegetation nun wahrscheinlich extrem verändern: EIS, EIS, BABY! Schon jetzt kann ich beim Ausatmen meinen Atem sehen – und es geht noch weiter in den Süden. Noch nie in meinem Leben war ich so weit südlich, weit unter dem südlichsten Punkt Tasmaniens. Ein bisschen noch und wir erleben nach so viel Hitze der letzten Tage ein anderes Extrem: Ewiges Eis der Gletscher Neuseelands!


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