Montagabend, 00:01 Uhr. Der Form halber: Dienstagmorgen, 00:01 Uhr. Ich sitze in meinem Bett, habe meinen Laptop auf der blau-grün-gelben Decke liegen, mit der ich mich vor ca. einer Stunde zugedeckt habe, und wenn ich hoch schaue, blicke ich auf einen braunen Schrank mit Schubladen (wie aus der IKEA Malm-Serie), der vor einer nackten, weißen Wand auf einem schwarzen Teppich steht. In ihm fast alles was ich habe: Meine Hosen und T-Shirts, die für den Winter so wichtigen Pullover, Boxer-Shorts und Socken und der Schlafsack, den ich zurzeit nicht benötige. Auf dem Schrank – vielleicht würde Kommode besser passen – liegen zwei Sonnenbrillen, die an 300 Tage Sonnenschein, Sand, Strand und Meer erinnern, daneben eine angefangene weiße Crisp-Schokolade aus dem ALDI und davor eine UTS-Fitness-Sportflasche, die bisher kein einziges Mal benutzt wurde. Den Platz müssen sich die Utensilien mit Zahnpasten, meiner Zahnbürste und all dem anderen Bad-Zeug teilen, welches leider im Bad keinen Platz finden wird/soll. Schließlich wohnen acht Menschen in dem Haus, das ich seit zweieinhalb Wochen mein Zuhause nennen darf…
Neben der Kommode hängen an einem Kleiderständer mein Anzug, meine Jacke, das T-Shirt was ich heute tagsüber getragen habe und unten drunter liegt die Dreckwäsche. Wenn ich wollte, könnte ich jetzt durch die Tür neben dem großen Spiegel gehen und würde direkt an der Waschmaschine stehen. Ich könnte die Sachen rein schmeißen und anschließend nach dem Waschvorgang, der durchaus mit warmem und nicht wie sonst üblich nur kaltem Wasser vonstatten gehen würde, alles in den auf der Waschmaschine stehenden Trockner stecken. Mache ich aber nicht. Ich bleibe im Bett mit der dicken Matratze liegen und mein Blick schweift weiter nach rechts auf meinen Schreibtisch, vor dem der drehbare Schreibtischstuhl steht und neben dem das recht kleine Fenster ist, durch das das wenige Tageslicht was wir hier zurzeit im Winter haben, rein strömt. Gleich am Fenster der kleine Nachtschrank, auf dem das schöne Bild von Tin und mir steht, der Bumerang, den Cyril und Hervé mir zum Geburtstag schenkten, meine Knirschschiene, die Leselampe, etc. Und gleich daneben mein Bett, von dem aus ich die zweite Tür meines Zimmers gar nicht richtig sehen kann, weil sie genau in der Wand ist, an der auch mein Bett steht. Sie führt in die Küche unseres Hauses und von der Küche führt eine weitere Tür ins Wohnzimmer durch das ich schließlich in den Flur und dann entweder nach oben oder nach draußen gehen kann.
Willkommen in meiner Welt, willkommen bei mir zuhause. Willkommen in Enmore, bei Newtown, ca. 4 km entfernt vom Kern der Stadt, die ich seit drei Wochen „mein New York“ nenne. Mir ist aufgefallen, dass ich noch gar nicht viel zu der Wohnung geschrieben habe – nun habt ihr einen kleinen Überblick über mein Zimmer bekommen. Mit mir wohnen noch Jordi und Laura, ein Pärchen aus Barcelona, Nick, der Boston-Guy, Emma, ebenfalls aus den Staaten, Petter aus Schweden und die besten Kumpels von Jordi, Carles und Gerard, die ebenfalls aus Barcelona kommen. Eigentlich verstehen wir uns alle super und ich mag mein Haus. Eigentlich. Nun, es muss immer mindestens eine Person geben, die aus der Reihe tanzt, oder? Immerhin sind wir acht Personen und da ist es kein Wunder, dass nicht immer alles glatt läuft. Unser Schwarzer Peter ist nicht etwa Petter und bin auch nicht ich – es ist Nick. Leider hält er es nicht für besonders klug, abzuwaschen oder hinter sich aufzuräumen. Das ist gar nicht schlimm in seinem Zimmer, wird aber ganz schön nervig, wenn es in der Küche oder im Wohnzimmer zum Alltag wird… Wie auch immer: Wir werden auch mit diesem Problem fertig werden. Anders – und besonders doof – allerdings ist unser Internet-Problem, welches wir seit heute haben: Leider sind die Australier nicht ganz so Flat-Rate-besessen wie wir Deutschen und so gibt es die meisten „Flat-Rates“ immer nur mit einer Begrenzung an Datenvolumen, welches man nutzen kann. Ist dieses Volumen verbraucht, wird die Leitung nicht gekappt aber gedrosselt. Und zwar soooo krass, dass man keine einzige Seite vernünftig öffnen kann. Spiegel Online laden dauert ca. 10 Minuten. Und genau dies ist passiert und wird – wahrscheinlich – noch für knapp zwei Wochen so bleiben. Erst dann ist der „Internet-Monat“ vorbei und ein neuer Monat mit neuem Datenvolumen wird beginnen… Dumme Sache das.
Letzte Woche habe ich realisiert, dass ich ein Leben wie dieses in Deutschland bisher nicht hatte. Mein Studentenleben war schließlich immer von anderen Aktivitäten beeinflusst und hat daher den Namen “Studentenleben” eigentlich nie verdient gehabt. Sei es die JONA oder die Feuerwehr und das Lauffeuer, seien es andere Seminare oder journalistische Tätigkeiten. So richtig Student sein war da nicht drin. Das ist hier (noch) anders – Studentenleben eben – und das genieße ich in vollem Maße. Letzten Donnerstag zum Beispiel hat sich das gezeigt, als ich eigentlich so vieles vor hatte und irgendwie nichts davon, dafür aber viel Anderes gemacht habe. Anne rief vormittags an und lud mich zum BBQ bei uns an der Uni ein, anschließend bin ich kurz nach Hause um gleich wieder zum Kaffee in die Uni zu fahren und abends haben wir uns auf der Semester-Start-Party austoben wollen, die aber irgendwie ein Reinfall war. Wie auch immer: Von alledem, was ich eigentlich vor hatte, habe ich ziemlich wenig gemacht. Macht aber nichts, denn die Aufgaben laufen mir ja nicht davon. Nur die Zeit eben. Ein bisschen.
Aufgefallen am Donnerstag nach dem BBQ am Campus: Wolkenschreiber über Sydney. Das haben Alex und ich schon damals oft gesehen und das wird hier oft und gerne gemacht. Spannend war es trotzdem. Doof nur: Als der Typ mit seinem zweiten Wort fertig war (“Gorilla Radio”), war das erste Wort schon fast komplett in den Wolken verschwunden… – Mittlerweile weiß ich: Gorilla Radio ist ein Radio im Community-Programm in Melbourne, Victoria. Woher nehmen die das Geld?
Kleinigkeiten, die mir noch aufgefallen sind, in den vergangenen Tagen: Wenn ich auf der australischen Tastatur schreibe und einen Smiley machen will, sieht der so aus:
>(
Eigentlich soll er aber so ausschauen:
Das liegt an der Anordnung der Tasten und ist ziemlich doof!
Und wenn ich nicht aufpassen würde und jetzt auch nicht in meinem Bett, sondern vor einem der Uni-Computer sitzen würde, würde ich den letzten Satz so schreiben: Und wenn ich nicht aufpassen w[rde und jetyt auch nicht in meinem Bett sondern, vor einem der Uni?Computer sityen w[rde, w[rde ich den letyten Saty so schreiben. >(
Zwei Dinge noch: Kurios, der Raum, in dem wir TV-Journalismus haben, hat keine Fenster. Ist das Symbolik mit tiefergehender Bedeutung à la Journalismus ohne Durchblick – dafür ist das Fernsehbild aber nicht von Sonneneinstrahlung gestört? Oder nur das perfekte Nutzen sonst leerstehender Räume? Und: Meine Westpac-Karte und PIN-Nummer ist angekommen. Endlich flüssig. Also geht so. Jetzt muss nur noch das deutsche Konto geplündert werden…
Meine letzte Beobachtung für heute ist gekoppelt an die Feststellung, dass „friends“ im Englischen nicht nur „Freunde“ sondern auch „Bekannte“ bedeutet. Und so muss ich feststellen, dass ich schon viele „friends made“ – „Freunde“ gefunden – habe. Bekannte, wie man sie wohl eher nennen würde. Oder eben doch Freunde. Das Extreme an meiner und der Situation aller anderen Internationalen hier ist ja, dass wir aus unseren Leben rausgerissen werden, um uns in einem komplett neuen Leben extrem schnell neu zu organisieren und zu verankern. Und das bedeutet schließlich auch, dass man sich schnell Bezugspersonen sucht, die – im Gegensatz zu den „wahren“ Freunden zurzeit – nah sind und das Alltägliche miterleben. Das können meine Freunde in Deutschland zurzeit ja leider nicht mit mir. So ein bisschen vergleichbar ist es vielleicht mit jenen JONA-Seminaren, in denen man – für eine sehr begrenzte Zeit – wie in einem Labor ist und für eben diese begrenzte Zeit ganz andere Bezugspersonen findet, weil man 24/7 mit ihnen unterwegs ist und an einem Projekt arbeitet. Ja, so ein bisschen ist auch Sydney für mich ein 24/7-Projekt. Nur wird dieses Projekt weder nach zehn Tagen noch mit einem Produkt, einer TV-Sendung oder einem Magazin beendet werden. Es ist ein langes Projekt, ein lang andauernder Prozess, eine lang andauernde Laborsituation, die über kurz oder lang wahrscheinlich zur Realität werden wird. Inwieweit dies dann auch Freundschaften und das Leben „zuhause“, also in Deutschland, beeinflusst und inwieweit aus „friends“ irgendwann Freunde werden, bleibt abzuwarten. Spannend ist das Gefühl allemal, wenn ich beispielsweise Therese, Anne, Katharina oder Dominica sehe und zur Begrüßung umarme. Das fühlt sich dann schon irgendwie an wie „zuhause“. Wie Freunde eben. Nicht nur „friends“.

[...] schliesse neue Freundeskreise – und habe mich heute noch gefragt, warum ich das alles mache? Was mich damals in meinem Blogeintrag ueber die Bedeutung der Worte “Freundschaft” und &…, ist mir heute mehr als unklar. Trotzdem – und das weiss ich eben auch – ist Reisen [...]
[...] schliesse neue Freundeskreise – und habe mich heute noch gefragt, warum ich das alles mache? Was mich damals in meinem Blogeintrag ueber die Bedeutung der Worte “Freundschaft” und &…, ist mir heute mehr als unklar. Trotzdem – und das weiss ich eben auch – ist Reisen [...]